Institut für Medizinische Genetik
Fehlende oder verminderte Bewegung ist ein Risikofaktor für die Entwicklung von Kontrakturen. Pränatale Bewegungsstörungen können durch exogene oder genetische Faktoren verursacht werden. Wir beschäftigen uns mit der Identifizierung von genetischen Ursachen fetaler Bewegungsstörungen (Fetale Akinesie oder fetale Hypokinesie) und deren Folgen (Fetal Akinesia Deformation Sequence Disorders, FADS). Bei schwerer Ausprägung können angeborene Kontrakturen entstehen (Arthrogryposis multiplex congenita, AMC), die allein auftreten oder mit weiteren Veränderungen wie zum Beispiel Flügelfellbildung (Pterygien) oder Atmungsstörungen verbunden sein können.
Beispiele für schwere Ausprägungen sind das Escobar- und das Letale Multiple Pterygien Syndrom, die durch genetische Veränderungen (Mutationen) im Acetylcholin-Rezeptor-Pathway verursacht werden. Dadurch wird die Signalübertragung am neuromuskulären Übergang (Neuromuscular Junction) und damit dann die resultierende Muskelbewegung beeinträchtigt.
Escobar Syndrom, Multiples Pterygium Syndrom (
OMIM 265000)
Das Escobar Syndrom ist ein komplexes Krankheitsbild mit intrauterinen Bewegungsstörungen, angeborenen Kontrakturen (Arthrogryposis multiplex congenita, AMC) und Pterygien. Oft treten zusätzlich postnatale Atemstörungen, Kamptodaktylien, Skoliose und Gesichtsveränderungen auf. Die Ausprägung ist sehr variabel, selbst bei Patienten derselben Familie. Die Intelligenz ist bei den bisher beschriebenen Patienten normal. Das Escobar Syndrom wird autosomal rezessiv vererbt und durch Mutationen in der γ Untereinheit des Acetylcholin-Rezeptors verursacht (CHRNG).
Letales Multiples Pterygien Syndrom (
OMIM 253290)
Die letale Form des Multiplen-Pterygien-Syndroms ist eine schwere Ausprägung des Fetalen Akinesie Syndroms. Charakteristika sind fehlende oder stark verminderte Kindsbewegungen im ersten und zweiten Trimenon, die zu Kontrakturen und Pterygien führen. Hinweisend kann auch ein massives fetales Ödem oder Hygrom sein. Die Ausprägung ist so schwer, dass die Feten intrauterin versterben. Oft werden sehr frühe Aborte berichtet. Die Vererbung ist autosomal rezessiv. Das letale Multiple Pterygien Syndrom wird durch Mutationen verursacht, die die γ Untereinheit des Acetylcholin-Rezeptors (CHRNG) oder andere Komponenten des Acetylcholin-Rezeptor-Komplexes schwer beeinträchtigen (bisher beschrieben: CHRND, CHRNA1).
Publikationen
Acetylcholine receptor pathway mutations explain various fetal akinesia deformation sequence disorders.
Michalk A, Stricker S, Becker J, Rupps R, Pantzar T, Miertus J, Botta G, Naretto VG, Janetzki C, Yaqoob N, Ott CE, Seelow D, Wieczorek D, Fiebig B, Wirth B, Hoopmann M, Walther M, Körber F, Blankenburg M, Mundlos S, Heller R, Hoffmann K.
Am J Hum Genet. 2008 Feb;82(2):464-76.
Escobar syndrome is a prenatal myasthenia caused by disruption of the acetylcholine receptor fetal gamma subunit.
Hoffmann K, Muller JS, Stricker S, Megarbane A, Rajab A, Lindner TH, Cohen M, Chouery E, Adaimy L, Ghanem I, Delague V, Boltshauser E, Talim B, Horvath R, Robinson PN, Lochmüller H, Hübner C, Mundlos S.
Am J Hum Genet. 2006 Aug;79(2):303-12.